Im Gegensatz zu meinen Kollegen

„Meine anspruchsvollen Ziele erreiche ich immer, im Gegensatz zu meinen Kollegen. Mit mir gewinnen Sie einen überragenden Mitarbeiter.“

Ein Ausschnitt aus einem sehr anstrengenden Anschreiben, der das Charakterbild des Bewerbers sehr gut beschreibt.

Es wird schnell deutlich, wie derjenige, der diese Zeilen verfasst hat, gestrickt ist. Denkt man länger über beide Sätze nach, fallen einem viele vor allem negative Aspekte auf, die man dem Schreiber zuordnen kann.

Der Satzanfang

Die Worte „Ich“, „Meine“, „Mir“ sollten bis auf den allerletzten Satz nicht am Anfang eines Satzes im Bewerbungsanschreiben stehen. Kommt das Ganze sogar gehäuft vor, deutet es darauf hin, dass der Schreiber ein übersteigertes Selbstwertgefühl hat oder sich zumindest sehr gerne in den Mittelpunkt rückt.

Selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, bleibt das Etikett „Selbstwertgefühl überzogen?“ am Bewerber haften und wird im Vorstellungsgespräch abgeprüft.

„Anspruchsvolle Ziele erreiche ich immer“

Das erste, was mir dazu einfiel, „dann waren Ihre Ziele zu niedrig gesetzt“ oder „er war ständig unterfordert“. So eine Aussage zeugt nicht nur von Überheblichkeit. Man kann den Eindruck gewinnen, dieser Mensch habe noch nie vor einer wahren Herausforderung gestanden, er habe noch nie Fehler gemacht oder noch schlimmer, er könne seine Fehler nicht eingestehen. Alle drei Aussagen zeugen von mangelnder menschlicher Reife. Ok, es bliebe natürlich noch „Er hat wirklich alles geschafft und ist ohne Fehl und Tadel.“: allein, mir fehlt der Glaube.

Eine derart überzogene Aussage im Anschreiben führt schnell zur Aussortierung der gesamten Bewerbung. „Mit dem holen wir uns nur Ärger ins Haus.“ Oder „Ein schwieriger Charakter, passt nicht zu uns.“: sind die Aussagen von Unternehmen, die mir dazu einfallen.

„im Gegensatz zu meinen Kollegen“

Ging es Ihnen auch so? Ich musste zweimal lesen, ob er das wirklich geschrieben hat. Immerhin scheidet damit schon mal „ohne Fehl und Tadel“ unumstößlich aus.

Weder in einem Gespräch noch in einem Anschreiben rücke ich meine Kollegen in ein schlechtes Licht, in der Hoffnung, mich dadurch besser zu positionieren. Über das Thema, welche Erziehung oder Kindheit derjenige hatte, möchte ich nicht spekulieren. Jedenfalls wurden grundsätzliche Werte in der zwischenmenschlichen Kommunikation augenscheinlich nicht vermittelt.

Es ist ebenso wenig zielführend ehemalige Vorgesetzte oder Unternehmen schlecht zu machen. Obwohl hier einige durchaus Verständnis zeigen, ist man doch in einer „untergeordneten“ Rolle bzw. im Sinne des Wortes „machtlos“.

Bei Kollegen geht das gar nicht!

„Mit mir gewinnen Sie einen überragenden Mitarbeiter.“

Auch ganz für sich alleine gestellt, ist dieser Satz schon eine mittlere Katastrophe. Das Wort „überragend“ klingt zu überzogen. Es ist wichtig, selbstbewusst aufzutreten, und man darf hier auch „verantwortungsbewusst“ oder „engagiert“ oder „fleißig“ schreiben. Alles Adjektive, mit denen man sich selber beschreiben kann.

„Überragend“, „sehr gut“ oder „wertvoll“ jedoch sind Wertungen, die in der Regel ein anderer über Sie trifft.

Die Vorwegnahme einer sehr guten Wertung ist anmaßend. Im Weiteren ist sie auch unbegründet.

„Sie gewinnen mit mir einen fleißigen und verantwortungsbewussten Mitarbeiter, der sowohl im Team als auch selbständig und engagiert an der Erreichung der Ziele arbeitet.“ Könnte eine Alternative sein, die wesentlich positiver formuliert ist.

Auch wenn in den letzten Jahren der Lebenslauf an Bedeutung stark gewonnen und das Anschreiben selbige verloren hat, ist auf die Formulierung sorgfältig zu achten. Weder begeben Sie sich in eine Opferrolle (nur die anderen sind schuld), noch werden Sie zum Kollegen-beschmutzenden Superstar.

Karriere-A!B!C, das Portal für Beruf, Bewerbung und Karriere.

www.karriere-abc.com

By |2018-11-05T09:41:59+00:00November 5th, 2018|Anschreiben|